Gute Führung entsteht durch entwickeln und fördern

  • WdF
  • 18.01.2022 13:08
Gute Führung entsteht durch entwickeln und fördern

Michael Landau, Präsident der Caritas, spricht im LEADERSHIP-Interview über Solidarität und Nächstenliebe, eine Globalisierung des Verantwortungsbewusstseins und wie die Organisation versucht, sich strukturell weiterzuentwickeln.

Sie wurden 2013 zum Präsidenten der Caritas Österreich gewählt. Sehen Sie sich als Manager, Kommunikator oder Brückenbauer – wie definieren Sie Ihre Position?
Ich sehe mich als jemanden, der in der glücklichen Lage ist, umgeben von einem großartigen Team, Dinge zum Positiven verändern zu können. Sehr viele Organisationen und Unternehmen fahnden heute ja fieberhaft nach ihrem „Purpose“, nach dem Sinn ihres Tuns. Es ist ein gro- ßes Privileg, für eine Hilfsorganisation im Einsatz sein zu dürfen, in der diese Frage seit 100 Jahren klar beantwortet werden kann. Es geht um Nächstenliebe und Solidarität. Darum, Hilfe zur Selbst- hilfe zu leisten. Ich will mein Licht nicht unter den Scheffel stellen, aber meine Aufgabe beschränkt sich hier sehr häufig darin, Menschen Vertrauen entgegenzubringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Veränderung zu gestalten.

Sie verweisen in Ihrem Buch auf Solidarität, Mut und die Bereitschaft jeder und jedes Einzelnen, an einer gerechteren Welt mitzubauen. Was braucht es, damit die Welt etwas besser wird?
Hoffnung, Mut und Zuversicht. Die Ca- ritas wurde vor wenigen Monaten 100 Jahre alt. In dieser Zeit haben wir, hat die Gesellschaft insgesamt, viele Krisen und Katastrophen erlebt. In Österreich und weltweit. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Wir haben in diesen 100 Jahren ebenso die Erfahrung gemacht: Wir können Wirklichkeit gestalten. Wir haben die Phantasie, die Möglichkeiten und den Mut, Gegenwart und Zukunft positiv zu gestalten. Und das ist eine gute Nachricht. Weltweit ist es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, den Hunger maßgeblich zu bekämpfen, die Kindersterblichkeit zu senken. In Europa erlebten wir Jahrzehnte des Friedens und der Stabilität. Und auch in Österreich es gelungen, ein soziales Netz des Zusammenhalts zu knüpfen, das trägt und sich in der Krise bewährt hat. Wofür ich also werben möchte, ist Hoffnung, Mut und Zuversicht. Ja, wir leben in Zeiten des Umbruchs. Doch wie wir diesen Umbruch gestalten, liegt auch in unseren Händen. Veränderung – das habe ich in den vergangenen 25 Jahren immer wieder erlebt – fängt nicht nur im Kleinen und mit dem Hinsehen, sondern vor allem mit jeder und jedem von uns an.

Vor kurzem haben Sie betont, dass für Sie die ökologische und soziale Fra-ge zusammengehören. Was sind Ihre Vorschläge, um dem Klimawandel ent- gegenzuwirken?
Die Klimakrise trifft jene am stärksten, die diese Krise am wenigsten verursacht haben. Nach einer Globalisierung der Märkte brauchen wir endlich auch eine Globalisierung des Verantwortungsbe- wusstseins. Der Einsatz für soziale Ge- rechtigkeit wäre auf einem Auge blind, würde er die ökologischen Zusammen- hänge ignorieren. Insofern müssen auch bei Lösungsansätzen soziale und ökologische Gesichtspunkte verzahnt werden. Das gilt sowohl im Inland als auch im Ausland. In Österreich versuchen wir als Caritas zum Beispiel die Kreislaufwirtschaft zu fördern, indem wir beim Thema Re-use, Reparatur und Lebens- mittelverwertung einen nachhaltigen und ökologischen Beitrag leisten und dabei gleichzeitig langzeitbeschäftigungslosen Menschen eine neue berufliche Perspektive bieten. Wir retten jede Wochen zig Tonnen Lebensmittel vor dem Müll und in Sachen Energiearmut versuchen wir etwa durch Kooperationen mit Ener- gieunternehmen umweltschädliche und ineffiziente Haushaltsgeräte durch ener- gieschonende Geräte zu ersetzen. Global beschäftigt uns hier vor allem der Kampf gegen den Hunger – hier hat die Klima- krise fatale Folgen.

„Hoffnung, Mut und Zuversicht."
MICHAEL LANDAU


Führungsethik ist ein spezieller Teil- aspekt der Führungsforschung, der die moralische Frage reflektiert, inwieweit man das Verhalten anderer beeinflussen bzw. instrumentalisieren darf. Wie ist Ihr Standpunkt dazu?
Es ist nicht möglich, wirksam an Orga- nisation, Führung oder Veränderung zu arbeiten, wenn man nicht zuerst über- einkommt, welches Menschenbild das Denken und Handeln in der Organisation leitet. Und das ist in kirchlichen Orga- nisationen wie der Caritas geklärt: Die Prinzipien der katholischen Soziallehre prägen den Blick auf den Menschen und den Umgang miteinander. Personalität und Gemeinwohl, aber auch Subsidiari- tät und Solidarität sind als Grundwerte stark verankert, auch wenn historisch eingelernte hierarchische Strukturen und Organisationsformen sie mitunter verdecken können.
Das Verhalten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu instrumentalisieren wür- de dabei dem Selbstverständnis und dem Menschenbild der Caritas wiederspre- chen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Welche Eigenschaften muss eine verantwortungsvolle Führungspersönlichkeit mitbringen? Was sind aus Ihrer Sicht die Mindestanforderungen dafür?
Gute Führung besteht für mich in As- pekten wie Entwickeln und Fördern, sodass Menschen ihre Stärken ein- bringen können, aber auch Vorbild sein, Mitfühlen, Sinnstiften, und nicht zuletzt im Vertrauen und wertschätzenden De- legieren. Hier versuchen wir uns auch als Caritas strukturell weiterzuentwickeln. Dabei geht es nicht um falsch verstande- ne Basisdemokratie, sondern um einen offenen Umgang mit Aushandlungspro- zessen und auch um die Entwicklung von Konfliktstrategien.

Welcher Erfolg in Ihrer Karriere ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Ich freue mich, wenn es immer wieder gelingt, Themen aus der Erfahrung der täglichen Arbeit ein Stück weit mehr in das gemeinsame, öffentliche Bewusst- sein und dann auch in die Politik zu brin- gen. Ich denke etwa an die Hospizarbeit, wo die Caritas einen Pionierdienst geleis- tet hat. Und ich hoffe, dass jetzt endlich auch bei der Pflege etwas weitergeht, beim Thema demenzieller Erkrankun- gen, und bei der stillen Not der Einsam- keit, wo wir uns mit dem „Plaudernetz“ ganz praktisch, aber auch politisch für einen breiten „Pakt gegen die Einsamkeit“ engagieren.

Wie definieren Sie Glück und Zufriedenheit?
Ich denke bei dieser Frage immer an die vielen Freiwilligen, die für die Caritas im Einsatz sind – mehr als 50.000 in ganz Österreich. Sie schenken Suppe an ob- dachlose Menschen aus, geben Nach- hilfe, begleiten Menschen am Ende ihres Lebens oder organisieren Lebensmittelausgaben. Diese Menschen scheinen intuitiv zu spüren, dass der Schlüssel zu einem geglückten Leben nicht nur darin liegt, sich um das eigene Glück, sondern gerade auch um das Glück der anderen zu sorgen.

Welche Vorhaben haben Sie sich für 2022 gesetzt?
Persönliche Vorsätze nehme ich mir meist keine vor. Wenn ich mir aber etwas wünschen dürfte, dann dass, wenn diese Pandemie irgendwann wieder vorbei ist – und der Tag wird kommen – weiter- hin möglichst viele Menschen mit uns gemeinsam daran arbeiten, diese Welt ein Stückchen heller und freundlicher zurückzulassen als wir sie vorgefunden haben. Wenn wir zurückschauen, soll- ten wir sagen können: Wir haben unser bestes gegeben. Mit Ausdauer, weil es notwendig war. Und gemeinsam, weil man nur so aus einer Pandemie heraus-kommt.

Zur Person
Michael Landau ist seit 1. Dezember 1995 Direktor der Caritas der Erzdiözese Wien, seit 2013 zusät- zlich Präsident der Caritas Österreich und seit Mai 2020 auch Präsident von Caritas Europa. Er wurde 1960 in Wien geboren, ist Biochemiker, katholischer Priester und hat nach Abschluss seines Natur- wissenschaftlichen Studiums in Wien und Rom Theologie und Kirchenrecht studiert. Seit Beginn seiner Tätigkeit meldet er sich zu sensiblen sozialen Fragen zu Wort. Und er ist überzeugt, dass jede und jeder von uns die Kraft und den Mut haben kann, Gesellschaft zum Positiven zu verändern. Für sein Engagement wurde Michael Landau u.a. mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien und dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet. Michael Landau verfasste ein Buch zum Thema „Solidarität, Anstiftung zur Menschlichkeit“.   

Zur Organisation

Unabhängig von sozialer, nationaler oder religiöser Zugehörigkeit berät, begleitet und unterstützt die Caritas Menschen am Rande der Gesellschaft und des Lebens.


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